„Deutschland muss sich anstrengen“
Rhein-Kreis Neuss. Indien ist auf dem Sprung, die Wachstumsprognosen sind glänzend, die Chancen für deutsche Unternehmen groß – das erfuhren die Teilnehmer der jüngsten Unternehmerreise der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein, die jetzt nach neun Tagen zurückkehrten. Vergleiche drängen sich auf – mit China zum Beispiel. Das Ergebnis der 23-köpfigen Reisegruppe aus der Region: Vorteil Indien. „Deutsche und Inder arbeiten oft vertrauensvoller zusammen als Deutsche und Chinesen“, sagt Professor Dr. Michael Woywode, Lehrstuhl für Internationales Management, an der RWTH Aachen. Ein wesentlicher Vorteil Indiens: Der Schutz geistigen Eigentums sei in der „funktionierenden Demokratie Indien“, so IHK-Präsident Wilhelm Werhahn, kein Problem. Auch Sprachhindernisse gibt es in der früheren britischen Kronkolonie kaum. Höchstens die überbordende Bürokratie lege Unternehmern aus dem Ausland Steine in den Weg. Dennoch kommt Woywode zu dem Schluss: „Nach der IHK-Reise werden es sich selbst Unternehmen, die bereits ihre Fühler nach China ausgestreckt haben, zweimal überlegen, ob sie wirklich dort oder nicht lieber in Indien aktiv werden.“ Aus Werhahns Sicht sprechen – neben niedrigen Lohnkosten – noch weitere Argumente für ein Engagement in Indien: die Vertragstreue der Geschäftspartner, die Möglichkeit, auf dem gleichen Qualitätsniveau wie Deutschland produzieren zu können und ein boomender Einzelhandel. Daraus leistet der IHK-Präsident auch Herausforderungen für Deutschland ab: „Wir müssen uns anstrengen, um in Technologie und Qualität noch besser zu werden und wir müssen die Kosten für die Unternehmen im Griff behalten. “Gewerkschaftsforderungen nach sieben Prozent mehr Lohn seien vor diesem Hintergrund betrachtet unverantwortlich.
Woywode macht zudem Bereiche aus, in denen Deutsche von Indern lernen können: hohe Motivation Leistungswillen, Toleranz, Investitionen in Bildung. „Ein Inder sagte mir, er fühle sich durch mehr anspruchsvolle Arbeit motiviert. Das gibt es in deutschen Unternehmen zu selten.“
Zur Sache
Von Frank Kirchstein
Rezept aus Indien
Indien-das ist in den Köpfen auch deutscher Unternehmer vielfach noch immer das Land der Slums, das Land von Mutter Teresa und der Teepflücker. Klar, da sind die Berichte über die Software-Schmieden und die – letztlich gescheiterten – Versuche, indische IT-Spezialisten nach Deutschland zu holen. Und dennoch wird mancher Mittelständler bei der Vorstellung, Indien für sich und seine Produkte oder Dienstleistungen zu entdecken, zögern. Dieses Zögern hat nichts mit der Entfernung zu tun. Selbst der schritt über die nahen Grenzen nach Belgien, Frankreich oder – direkt vor der Haustür – in die Niederlande wird, obwohl die Hürden innerhalb der EU weitaus niedriger sind, noch viel zu selten gewagt. Länder wie Indien haben längst zum Sprung angesetzt, sind bereits in der Luft, während Deutschland – Ausnahmen bestätigen die Regel noch sitzt und grübelt. Deutsche gehen nach Plan vor, Professor Michael Woywode nennt das Beispiel Aufbau Ost: Erst Straßen, Strom, Flughäfen anlegen, dann auf Neuansiedlungen warten. Funktioniert hat das eher im Einzel– als im Regelfall. Das indische Rezept sieht anders aus: machen, Firmen gründen, arbeiten, der Rest kommt später. Wer probiert es aus?
Redaktion: Neuss-Grevenbroicher Zeitung
Redakteur: Frank Kirschstein
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